Mein Buch „Die Bruderschaft des Regenbogens“

„…
Die Bäume schienen auf ihn zu zukommen. Wie Hände griffen die Zweige nach ihm. Der Mönch lief durch den dunklen Wald, nein, er lief nicht, er rannte. Wer war hinter ihm her? Aus der Finsternis sah er eine dunkle Gestalt auf sich zukommen, im Mondlicht blitzte eine Klinge auf. Der Mönch riss die Arme zum Schutz nach oben und versuchte sein Gesicht zu bedecken, aber konnte er die Klinge damit wirklich abwehren? Der kalte Stahl zerschnitt den Stoff seiner Ärmel und berührte seine Haut. Mit einem Schrei und in Schweiß gebadet schreckte der Mönch aus dem Traum auf und schaute sich um. Andreas saß auf dem Bett in seiner Zelle im Kloster und fragte sich „Woher kam nur dieser Traum?“

Vom anderen Ende seiner Zelle vernahm er ein quietschen. Die Türe öffnete sich einen Spalt und ein Lichtschein fiel in das Dunkel des Zimmers. Ein anderer Mönch, durch den Schrei geweckt, steckte verschlafen seinen Kopf durch die Tür, aber bevor er irgendetwas Fragen konnte sagte Andreas „Es war nur ein Traum.“ Der andere Mönch nickte, verließ das Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Andreasstand auf und schaute durch das Fenster neben dem kleinen Kreuz, es war mitten in der Nacht. Er zündete das Talglicht an und dachte an seinen Freund Thomas, der nun schon viele Monate auf Wanderschaft war. Wo war er in diesem Moment? Und kam der Traum vielleicht von ihm? War er in Gefahr? Da Andreas nun schon mal wach war, und irgendwie auch Angst vor dem Einschlafen und dem Traum hatte, wollte er in die kleine Kirche des Klosters hinunter gehen, um für ihn, und die anderen Mönche auf Wanderschaft, zu beten.

Leise ging er, mit seinem Talglicht in der Hand, erst den dunklen Flur entlang an den Zimmern der Mönche vorbei und danach die Treppe hinunter. Mit einem knarren öffnete er die Tür und trat in den nur spärlich beleuchteten Raum hinein. In der Kapelle saßen vorn am Altar zwei Mönche und beteten das stündliche Gebet. Andreas setzte sich in die letzte Reihe und schaute nach vor. Neben dem Altar stand die Figur des heiligen Santiago. Einer der Mönche hatte diese Figur vor ein paar Jahren von einer Wallfahrt mitgebracht. Den ganzen langen Weg vom Ende der Welt bis hier her hatte er diese schwere, hölzerne Figur auf seinem Rücken getragen. Zu diesem Heiligen, dem Schutzpatron der Wandermönche, betete Andreas nun, das seinem Freund draußen nichts passierte.

Er dachte plötzlich, mitten im Gebet für Thomas, auch an seinen Bruder Johannes, der mit den Männern des Grafen auf dem Kriegszug gegen die Bauernaufstände war. Obwohl er diesen Krieg nicht gutheißen konnte schloss er seinen Bruder dennoch mit in das Gebet ein. Lange saß er in der Kirche bis hinter dem Altar das Licht der aufgehenden Sonne durch die Fenster schimmerte. Der neue Tag begann gerade sein erstes Licht durch die bunten Scheiben zu schicken und genau jetzt, in diesem Moment stand die Sonne hinter dem Bild, auf dem der Heilige Georg abgebildet war. Durch das Licht begann der Heilige wie von innen zu leuchten.

In seiner schimmernden Rüstung kämpfte er mit dem Drachen, den er mit seinem Speer durchbohrte, während der Drache sein Maul aufriss. Gut gegen Böse. Engel gegen Drachen. Wer aber war in diesem Kampf der Gute? Der Bauer, der sich gegen die Ausbeutung durch seine Herren auflehnte, oder sein Bruder, der gegen diese Bauern kämpfte? Welche Rolle spielte dabei aber sein Freund Thomas? Und welche Rolle spielet er, Andreas, hierbei?

In vielen Gesprächen mit den Bauern, die ihre Pacht ins Kloster bringen mussten, hatte er von der Not der Familien erfahren. Ihm im Kloster war es bisher immer gut gegangen und im Gegensatz zu seinem Freund war er aus vornehmem Haus, aus der Familie eines Kaufmannes. Er selbst hatte nie Hunger oder Kälte erleben müssen. Thomas hatte ihm von den Hungerwintern seiner Kindheit erzählt. Die Kinder der Bauern, die jeden Sonntag zur Schule kamen, hatten oft nicht mal das nötigste zum anziehen. Die Mönche versuchten den Kindern so gut es ging zu helfen, so wie Thomas es angefangen hatte, so führte nun Andreas die Schule der Kinder und oft gab er den kleinen einen Apfel oder eine andere Leckerei. Auch er hatte an den leuchtenden Augen die Dankbarkeit der Kinder bemerkt.

War es aber nicht die Gottgegebene Ordnung, die diese Bauern ablehnten? Konnte man diese Probleme nicht auch mit friedlichen Mitteln lösen? Er sah wieder auf das Bild des Heiligen Georg und die Sonne Stand nun über ihm und beleuchtet das goldene Kreuz am Altar. Sollten sie als Mönche nicht eigentlich den Glauben bei den Menschen stärken und nicht solche Reichtümer anhäufen? Würde ein hölzernes Kreuz nicht genauso, oder, da Jesus Zimmermann gewesen war, noch besser, zu ihrem Anspruch passen?
…“

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